Heute: Florence Road sind eine neue Band aus Irland und sie haben sehr schöne Stellen auf ihrem ersten Mixtape. Außerdem: Diese Werbekampagne will euch mit KI-Songs näher zusammenbringen. Und: Eine unzufriedene Musikredakteurin wird Musiklehrerin und erzählt, warum.
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Vielleicht fällt euch da ja jemand ein. Der Preis ist dieses Jahr mit 2.000 Euro dotiert. Was wir –äh, also ein musikjournalistisches Projekt damit alles machen könnte...
Bis dahin: Sehen wir uns an den nächsten Wochenenden irgendwo?
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Springt auf, auf den Zug nach Florence Road, die Fahrt ist schnell und es geht steil bergauf – prognostiziere ich. Auf meinem Handy sammeln sich insgesamt vier Screenshots von Reels und Posts der irischen Band zum Song "Heavy". Es war mir also besonders wichtig, dass ich mich daran erinnere. Florence Road liefern Detailversessenheit, Zeit und auch sehr hochkarätige Produzenten. Pop-Songs mit prächtigen Hooks à la Olivia Rodrigo treffen auf ausgefeilten Noise-Rock. FALL BACK, das Debüt Mixtape des Quartetts, hat eine ganz klare Soundvision, die nicht so scheint, als würden Lily Aron (Gesang), Emma Brandon (Gitarre), Ailbhe Barry (Bass) und Hannah Kelly (Schlagzeug) sich noch ausprobieren, dabei kommen sie quasi frisch aus der Schule. Ich zeige euch meine liebsten Stellen des Mixtapes, dann versteht ihr, warum Florence Road so geil sind. – Rosalie Der Titel wird von einem Grundrauschen eingeleitet. Bevor da die Stimme oder ein Instrument ist, ist da ein Surren. Ich weiß nicht, ob die Band tatsächlich analog aufnimmt, oder ob das künstlich einfach für den Vibe eingefügt wurde, aber dieser wohlige Sound funktioniert bei mir irre gut.
In den Strophen gibt es am Ende einiger Zeilen einen krisseligen Effekt. Er ist leise und subtil, also Konzentration. Man hört ein minimales Störgeräusch, wie bei einem offenen Kabel oder einem Wackelkontakt. Es fühlt sich an, als würden mir meine Kopfhörer gleich einen Wisch verpassen und kleine Effekte wie dieser geben dem Song so viel Spannung, dass ich ganz elektrisiert werde. (Kennt ihr diesen Pritzelklang von kaputten Kopfhörern oder ist das etwas, das nur in meiner Welt ein Ding ist, weil ich im Jahr ungefähr drei Paar kleinkriege?)
In der Bridge heißt es "Remember that day / When we were just kids / Playing around / Until we weren't" und dann gibt es einen Full Stop, also eine Pause bei allen Instrumenten. Man hört Sängerin Lily Aron nur einatmen, bevor sie "Until we weren't" wiederholt und die Band geschlossen auf das "weren't" einsetzt. Diese Interaktion zwischen der Zeile und der Musik ist großartig: Der Bruch zur Kindheit wird hörbar und ich weine gleich einmal mehr darüber, dass das Leben jeden Tag ein bisschen ernster und schwerer wurde. Die Girls kennen sich übrigens schon aus Kindestagen und spielen seit ihrer Jugend im Gartenschuppen von Aron.
Dieses Brett von einem Song, das von Anfang bis Ende durchballert, legt nur für ein einziges Wort eine Pause ein: Ein kurzes, extrem klares "Go". All die dröhnenden Effekte verschwinden, die Stimme wirkt ganz nah und dann startet die Band in einen neuen Nirvana-mäßigen Unisono-Teil: alle spielen geschlossen den gleichen Rhythmus und vorherige Motive und Zeilen werden aufgegriffen, aber in einer Grunge-Variation (Es leben die Powerakkorde!). Das "Go" ist eine Ansage auf ganzer Linie, in Windeseile wird der Sound abgerissen und neu zusammen gepuzzelt. Spitze!
In den ersten Sekunden erscheint dieser Song, als wäre er fast ein bisschen folkig, aber schnell genug setzen die Drums ein und die sind so wunderbar großspurig – ich kann es kaum fassen. Diese kleine Newcomerband legt einen astreinen "We will Rock You"-Beat inklusive Klatscher hin. Hier wird sich nichts aufgespart, für 'Wenn man mal groß ist'. Sie hauen "Goodnight" mit vollkommen ernster Stadion-Rock-Ästhetik raus.
Bevor die Gitarre einsetzt, wird sie von jemandem gesungen. Als würde man in albernem Modus den Song im Auto hören und schon mal das Solo imitieren. Ich liebe ja sowieso, wenn man Instrumentals hat, die so catchy sind, dass man sie mitsingen kann. Das ist natürlich garantiert, wenn ein eingesungenes Riff die Vorlage bildet.
In die kreischende E-Gitarre mischt sich ein Chor. Am Anfang ist es nur eine Stimme, ziemlich kräftig, das kennt man im Prinzip schon. Aber dann kommen immer mehr sehr viel sachtere Gesänge, die fast, aber eben nur fast, untergehen. Dieser Song hat dadurch eine Tiefe, als wäre er direkt aus dem Marianengraben geborgen worden.
Obwohl jeder Song auf dem Mixtape mit anderen Produzenten entstand, hat FALL BACK doch eine ganz klare Soundvision. Diese wunderbaren Momente und Feinheiten stechen hervor, weil ich mir dieses Mixtape sehr, sehr oft einverleibt habe. Während viele Bands in diesem Stadium noch ein bisschen mehr herumprobieren, wirkt es auf mich so, als hätten diese Vier einen ganz genauen Plan, wie sie klingen wollen. Ich habe in dem Alter (20) ungefähr täglich meine Frisur verändert und jegliches Feedback viel zu ernst genommen.
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Unpopular opinion: Ich liebe Werbung auf Social Media. Wie sonst sollte ich von neuen Weirdigkeiten erfahren? Zum Beispiel von Radio Optimism von LG. – Melanie
LG stellt Elektrogeräte her, der Firmenname ist die Abkürzung für "Life's Good". Deswegen wollen sie Optimismus streuen: Auf einer Website kann man aktuell mit einem sehr simplen Prompt kleine KI-Songs erstellen, mit denen man jemandem dankt. Wo ist der Haken, was soll man kaufen? Nichts, aber der Marketingtrick ist natürlich, dass ihr ein positives Gefühl zur Marke bekommt und euch beim nächsten Mal für eine LG Waschmaschine entscheidet (Machen die Waschmaschinen? Ich werde nicht nachgucken.).
Die fertigen Songs sind 1:30 min lang und laufen auf der Website nacheinander. Radio halt. Ihr musikalischer Wert? Gering. Es fühlt sich an wie die Konsequenz aus diesen Teleshop-CDs, wo man anrufen und einen Namen einsetzen lassen konnte und dann hat Frank Zander "Happy Birthday Gisela, du bist was ganz besonderes" gesungen. Doch diese kurzen Stücke machen Türen auf in lauter kleine Alltagsgeschichten. Im Player sieht man Songtitel, Ersteller*in, Musikstil und Prompt. Und. es. ist. leider goldig.
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Jannis wird 15, liebt Gaming und Technik. Mama und Papa sind stolz und glauben an seine strahlende Zukunft.
Manuel und Anja, Pop Manuel und Anja feiern mit Dankbarkeit und Liebe den 70. Geburtstag ihrer Mutter Renate.
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Tim, Pop Ein unvergesslicher Sommer auf Kreta mit Nina.
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Qualitativ hinkt das hier verwendete KI-Modell dem nach, was bereits im Bereich Songerstellung möglich ist – nicht dass ich dazu motivieren möchte, bessere KI für besserklingende Songs zu verwenden. Es klingt sehr blechern und die Musikstile sind eigentlich alles ähnlich (K-Pop klingt zum Beispiel immer wie Schlager, was merkwürdig ist, schließlich sitzt LG in Südkorea… Eigentlich klingt jedes Ergebnis wie Schlager, selbst Reggaeton). Aber ihr seht's auch, oder? Wie Mutter Renate in den Eierlikör weint vor Rührung? Wie Jannis gar nicht weiß, wohin mit sich vor cringe. Chloe, die jetzt doppelt so schnell strickt? Ich glaube schon, dass bei Übergabe die ein oder andere Emotion fließt.
Deswegen könnta aber wissen, dass ich auch einen Song generiert habe. Für euch, unsere Leser*innen. Wir stehen hinter jedem Wort! Küsschen.
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Immer mehr Leute in der Musikindustrie spüren Frust. Das Geld wird ungerechter verteilt und die Jobs, die Geld bringen, sind oft massentaugliche Themen, die nicht selten moralisch fragwürdig sind. Was könnte man mit den gesammelten Berufserfahrungen noch anfangen? Caroline Fritsch war bis vor kurzem Musikredakteurin. Jetzt unterrichtet sie an einer Oberschule Musik. Wie es dazu kam und warum sich das für sie gelohnt hat. – Melanie
Erzähl mal zuerst, was dein Background in der Musikbranche ist. Caroline: Ich bin Musikredakteurin, komme vom Privatradio. Da hab ich mein Volontariat bei BB Radio und Radio Teddy gemacht, wollte dort aber nicht bleiben. Auch weil die Bezahlung so miserabel ist, nicht mal 2.000 € netto für teilweise 50-Stunden-Wochen. Dann bin ich bei einem Online-Schlagerradio gelandet, Radio Paloma. Das war soweit super, relativ guter Verdienst, viel Homeoffice, aber es hat mich nicht gefordert. Man hätte das natürlich als völlig entspannten Job sehen können – ich verdien hier mein Geld, alles in Ordnung. Aber ich wollte schon irgendwie was mit Sinn.
Wie kam dann der Umbruch? Da muss ich kurz ein bisschen ausholen: Letztes Jahr hab ich angefangen, mich in meiner Heimatstadt Luckenwalde (Brandenburg) politisch zu engagieren, hab da Demos gegen die AfD organisiert. Und dann bin ich wirklich in so 'nem moralischen Strudel gelandet, "Ey, ich hab da 'nen Job in Berlin, aber der erfüllt mich nicht." Da hab ich von Jetz' auf Gleich gekündigt und hab in Luckenwalde weiterführende Schulen abgeklappert. Ich dachte, ich kann mich selbstständig machen und mit den Schülerinnen und Schülern Schulradios betreiben. Da wurde ich schnell desillusioniert, weil die Schulen das zwar mega fanden, aber nicht bezahlen konnten.
Jetzt bist du ja doch an einer Schule gelandet ... Eine Direktorin hat beiläufig erwähnt, dass sie eine Musiklehrkraft braucht und es kaum noch Leute gäbe, die Musik unterrichten können, weil niemand Musikpädgogik studiert. Und da meinte ich zu ihr: "Also … ich hab Musikwissenschaften studiert und wollte immer zum Radio damit, aber Musiklehramt fand ich auch nicht unspannend." Sie war Feuer und Flamme, hat mir erklärt, wie ein Seiteneinstieg ins Lehramt funktioniert und … hier bin ich jetzt. Seit Januar nehme ich an einer pädagogischen Grundqualifizierung teil, mein Unterricht wird hospitiert und ich habe eine Mentorin an meiner Seite. Ich unterrichte aber bereits Musik und kann ab nächstem Schuljahr mein Schulradio als Wahlpflicht-Kurs anbieten.
Wie gestaltest du deinen Musikunterricht? Es gibt natürlich für jedes Bundesland einen Rahmenlehrplan, an dem orientiere ich mich: Meine Schülerinnen und Schüler sind 8. bis 10. Klasse, was müssen die da kennen und können? Wie ich das gestalte, da bin ich aber relativ frei. Ich unterrichte in Blocks, jeweils 90 Minuten, der erste Teil vom Unterricht ist eher frontal. Und im zweiten machen wir ganz viel am Keyboard. Noten spielen, die richtige Länge halten… Da merken sie dann: Aha, is ja doch nich' so langweilig, da kommt ja was bei raus. Wir haben auch schon ein Ritual eingeführt. Am Anfang von jeder Stunde mach ich einen Song an und wir üben, wie man richtig hört. Neulich hatten wir was von Nina Chuba, dann mal "Pretty Little Baby", weil der ja auf TikTok so viral war, Fleetwood Mac, BeeGees, querbeet einfach. Und die Schülerinnen und Schüler können auch Vorschläge machen. Dann müssen sie mir sagen: Welche Instrumente hören sie, wie ist die Stimmung, was hören sie für einen Rhythmus?
Wir haben auch viel mit KI gemacht. In der 8. Klasse müssen Musicals behandelt werden. Frontalteil: Was ist ein Musical, wo kommt das her, welche kennt ihr? Und danach durften sie mit KI ein eigenes Musical schreiben. Mit der 10. Klasse haben wir auch eigene Songs mit KI geschrieben, vorher hab ich ihnen erzählt, wie ein Song ins Radio kommt. Oder wir haben einen Protestsong gemacht. Woher kommt Protest in der Musik? Und dann haben wir – ohne KI – einen Song geschrieben. Eine Gruppe die Strophe, eine den Refrain, eine die Musik und so weiter.
Worum ging es in den Protestsongs? Eine Klasse war gegen Krieg, die andere generell gegen Ungerechtigkeiten in der Welt. Wir haben vorher eine Mindmap darüber gemacht, was sie ungerecht finden. Ich mach auch mit jedem Jahrgang Medienkompetenz-Übungen am Beispiel von TikTok: Wie funktionieren Fake News, warum geht was viral?
Sind die interessiert? Die sind voll interessiert. Beim Notenunterricht sind sie natürlich gelangweilt, aber wenn sie selbst ins Spielen kommen, sind sie stolz. Die haben schon Bock, aber man muss selbst auch authentisch sein.
Was hören deine Schüler*innen gerade, was bringen die mit in den Unterricht? Ganz viel Deutsch-HipHop. Zah1de! Die ist omnipräsent. Ein paar stehen aber auch auf Oldies. Die eine hat sich bei mir "Ohne Dich" von Münchener Freiheit gewünscht. Auch so 2000er Geschichten. Und 90er Eurodance, La Bouche, "Mr. Vain". Die kennen das dann von ihren Eltern oder von TikTok. TikTok spielt wirklich eine Riesenrolle bei deren Musikgeschmack – weiß man ja eigentlich, aber das so direkt zu sehen… Manche Sachen mach ich aber auch gleich aus. Mittlerweile wissen sie auch, dass es bestimmte Kriterien gibt: Keine Gewalt, keine Diskriminierung, keine Drogenverherrlichung.
Das klingt, als wärst du ziemlich froh mit deiner Entscheidung. Hätt ich nie gedacht, es macht total viel Spaß. Als ich meine ersten Radio-Praktika gemacht hab, bei JamFM und RTL, direkt nach dem Abi, da hab ich schon gemerkt: Krass, vom Wertesystem, von der Bezahlung vom Work-Overload ist das schon ganz schön eklig. Aber war natürlich mein Ding und ich hab mir das schöngeredet und wollte auch lange Zeit jemand sein, die von sich sagen kann "Ich arbeite beim Radio". Das ist was Besonderes, da ging's gar nicht um die Arbeit an sich, sondern darum, das sagen zu können. Aber jetzt, die Schularbeit, das erfüllt mich. Ich geh jeden Abend nach Hause und denk: Cool, ich kann Musik machen und Menschen Musik näher bringen. Ohne, dass irgendein Programmchef hinter mir steht und mir erklärt, dass sich das nicht verkauft. Ich hab das Gefühl, ich bin im Frieden mit mir. Mit der Arbeit kann ich auch da ansetzen, wo noch Hoffnung besteht. Das ist Beziehungsarbeit, da geht es nicht nur um Wissensvermittlung. Durch meine politische Arbeit gegen die AfD hab ich erst gesehen, wie tief das in so einer Kleinstadt drin ist, auch bei den Schülerinnen und Schülern. Das ist natürlich etwas, was man von außen aus seiner privilegierten Berlin-Position begutachten, aber nicht verändern kann.
Ich musste erstmal ankommen. Man wird schon ins kalte Wasser geworfen und muss sich alles selbst zusammenbauen. Wie will ich unterrichten, wie soll der Unterricht aussehen? Das Schulradio kommt ab nächstem Schuljahr, da bespielen wir dann die großen Pausen über die Schullautsprecher.
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Falls ihr auch musikalische Erziehung betreiben wollt: Nehmt eure Kids doch mal mit auf ein Konzert. Loft Concerts veranstaltet Konzerte in Berlin. Schaut mal rein, was sie euch grad bieten.
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Das war's für dieses Mal. Rosie hat neulich ein erstes Date mitgehört, bei dem der Typ gleich an zwei Stellen einen Prinz Pi-Song "zu der Thematik" empfohlen hat, der "das wirklich auf den Punkt bringt". Als Melanie mal etwas, das man heute als Situationship bezeichnen würde, beendet hat, bekam sie vom Gegenüber danach eine SMS, in der nur die Worte "'You Were Always On My Mind' - Pet Shop Boys" stand (Links waren da noch kein Ding in Kurznachrichten). Fand sie irgendwie stark, hat aber auch nicht mehr geholfen.
Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 13. August.
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