Heute: Was geht in der Musikszene von Rocky Beach? Über fiktive Bands bei den Drei ???. Dazu: Wir haben uns einen Geburtstagskuchen nach Originalrezept von Dolly Parton gebacken. Und: Die GEMA wollte ihre Ausschüttungen gerechter verteilen, die eigenen Mitglieder waren dagegen – wieso das denn?
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Alex, Lisa, Gunnar, Johannes, Katrin, Flo, Arne, Tim, Jule und Marc. Mit euch sind wir jetzt 101 Leute bei Steady! Hurra! Das ist doll irre und ein schönes Gefühl, dass da 101 Menschen sind, die uns noch lange lesen wollen.
Außerdem bauen die süßen Speckmäuse von Loft Concerts dieser Ausgabe ein weiches Fundament. Loft veranstaltet Konzerte in Berlin. Schaut mal rein, was sie euch grad bieten. Unterstützt auch ihr uns einmalig bei Paypal oder sichert euch Fan-Vorteile bei Steady und sorgt dafür, dass wir weitermachen können:
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Seid ihr bereit für die 100. Ausgabe? Schön. Sie ist auch extra lang. Vorher noch ein bisschen Reflexion und Realität:
Warum machen wir das hier? Weil wir müssen. Weil Musikjournalismus tot ist. Weil Musikjournalismus nicht tot sein muss. Weil Texte kein Schema brauchen. Weil wir zeigen wollen, was geht. Weil wir zu viele Ideen haben. Weil wir uns ständig aufregen müssen. Weil wir daran glauben, dass Kunst und Kreativität essenziell sind. Weil wir daran glauben, dass Kunst und Kreativität gerecht vergütet werden müssen. Weil Musik uns bewegt Weil wir ein Funke sein wollen. Weil wir ein Netz bauen wollen. Lohnt sich das?
Finanziell: AHAHAH. Ähem, sorry, kleiner Ausbruch. Nein. Finanziell lohnt sich das nicht. Wir haben jetzt 101 Steady-Supporter*innen, das ist wunderbar. Was wir an Geld bräuchten, um den Newsletter auf stabile Beine zu stellen, haben wir auf unserer Website ja relativ genau aufgeschlüsselt. Aktuell kommt pro Monat etwa ein Drittel davon rein (allerdings fehlt in unserer Aufstellung die komplette Administration: PR, Community Management, Social Media, Buchhaltung, … ).
Dieses Jahr konnten wir mit unseren Live-Auftritten ein bisschen was extra verdienen und ab und zu können wir Inhalte, die wir hier geschrieben haben, in anderen Magazinen oder im Radio zweitverwerten. Die Arbeit am Newsletter an sich ist aber kriminell unterfinanziert. Wir haben beide andere Jobs, die die Miete zahlen. In einem Paralelluniversum bräuchten wir die nicht und hätten Zeit und Ressourcen, das ZWISCHEN ZWEI UND VIER-Imperium auszubauen. Naja.
Ideell: Sehr. Siehe oben. Das entschuldigt aber nicht die finanzielle Diskrepanz, denn dann sind wir ja ganz schnell wieder bei dem Argument, dass Kunst und Kreativität für die Sache an sich und ohne finanzielle Hintergedanken entstehen müssen. Das wäre schön, aber wir leben in einem System, in dem das bloße Existieren irre kostspielig ist und Grundbedürfnisse nur durch Lohnarbeit gerechtfertigt sind. Kunst und Kreativität für die Sache an sich und ohne finanzielle Hintergedanken zu machen, ist was für rich kids. Zu denen gehören wir leider nicht, deswegen schneiden wir uns die Zeit für unsere Utopie hauchdünn von der Salami unseres Energiehaushalts. Gern, aber äußerst bewusst.
Ob wir noch mal 100 Ausgaben schaffen? Wer weiß. Im Moment ist Bewegung drin bei ZWISCHEN ZWEI UND VIER und wir sind gespannt, wo uns der Weg hinführt.
Randbemerkung: Mit Management, Strategieberatung, Grafikabteilung, Produktionsfirma (👀) ... ginge vieles leichter – wie gesagt, wir haben kein Geld, aber jemand von euch eventuell viel Liebe für uns? Wir zahlen was wir können und haben bis jetzt mit Partner*innen immer gute Deals gefunden, von denen beide Seiten profitieren. Falls sich jemand angesprochen fühlt: Meldet euch doch mal.
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Der vielleicht beste Song von Amanda Lear kommt aus einer Folge der Drei ???. Wirklich! Als fiktive Musikerin Monique Carrera haut sie ein richtiges Brett raus. Und Carrera ist nicht der einzige Musikstar im Universum von Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Bob arbeitet schließlich neben seinem Detektiv-Dasein in einer Musikagentur und sowieso geben exzentrische Musiker*innen, Band-Intrigen, Musikpiraterie und kostspielige Geigen guten Stoff für Kriminalgeschichten. Von Rock über HipHop bis hin zur Klassik ist wirklich alles dabei. Hier sind alle Bands aus Rocky Beach und meine fachkundige Meinung dazu. – Rosalie Die Hula Whoops sind eine Newcomerband, die gerade erst gesignt wurde, trotzdem sind sie der Talk of the Town – nicht nur wegen ihrer Songs. Bob muss die Band für seinen Nebenjob bei einigen Auftritten betreuen und hat hier alle Hände voll zu tun. Der eigene Musikagent beschreibt sie als einen Haufen Irrer (dieser Agent fährt als Dienstauto einen Leichenwagen, das will also was heißen) und auch die Musik klingt nach einem maximalistischen Electromix mit DIY-Charakter. Obwohl die Hula Whoops eine klassische Bandaufstellung haben, klingt das Ergebnis nach überladener Laptop-Produktion. In der Folge ist nur ein winziger Ausschnitt ihrer Musik zu hören. Der macht den Anschein, als wären sie mit einem Mikrofon in ihre Küchenschublade gefallen und hätten dann eine Menge Hall auf das Klimbim gelegt. Manchmal überschattet der Gossip um die Band ihre Musik: Zwischen Maxi (Frontfrau) und Marsh (Gitarre) geht es heiß her und die On-Off-Beziehung könnte schnell zum Aus der Hula Whoops führen. Mich können sie musikalisch nicht überzeugen, obwohl ich die Truppe sehr sympathisch finde. Aber wie sagt man in der Musikbranche so schön: Nett sind sie alle. 1/5
The Barbarians (052 DIE MUSIKPIRATEN, 1991) Wer auf starke Stadion-Riffs steht, ist hier an der richtigen Adresse. The Barbarians veranstalten die große Gitarrenshow und liefern Titel, in denen opulente Pyro schon im Songwriting mitgedacht wird. Pompös werden die Schlussakkorde wiederholt, pausiert und das Finale ausgekostet. Die Band steht allerdings inmitten einer Krise, denn ihr neuestes Album wurde bereits vor Release als Bootleg unter die Menschen gebracht – noch dazu in astreiner Studioqualität. Dass das ihrer Releasestrategie einen Dämpfer verpasst, ist wohl selbstredend, doch The Barbarians sind unaufhaltsam und auch das Management tut – mit der Unterstützung der Drei-???-Fanboys – alles, um herauszufinden, wer das kommende Album geleaked hat. Können sie sich von dem unfreiwilligen Release ihres Masters erholen? Wahrscheinlich, schließlich haben sie eine große, loyale Hörer*innenschaft. Sprechen sie mit ihrer Musik Menschen unter 50 an? Eher nicht. Der Rocksound ist zwar wuchtig, aber klingt reichlich eingestaubt. 3/5 (weil ich ja irgendwo doch eine alte Musikseele habe)
Wet Boys (079 IM BANN DES VODOO, 1998) Bei dieser Boyband ist alles "Mehr Schein als Sein", denn wir haben es mit einem Milli-Vanilli-mäßigen Schwindel zu tun! Während in der Tonkabine ein paar Typen mit Tattoos und hartem Look stehen, mimen nach außen flotte Posterboys zum Playback. Nachdem das Label die Rapper zunächst ablehnte (es wird oft betont, wie pickelig sie seien), castete der Produzent im Einverständnis mit den OG Wet Boys drei heiße Schnitten. Bob findet den Schwindel mit den geschniegelten Mädchenschwärmen unpassend, denn er beschreibt den Sound der Wet Boys als edgy und street. Hier muss ich einlenken. Das Spiel mit klassischen Sprichwörtern, den Flow und auch die Reime finde ich etwas unbeholfen. Ihre Songtexte bestehen eher aus Adlips, also kurzen Stichworten, und einer beachtlichen Ansammlung an Yeahs, als aus tatsächlichen Lyrics. Die Wet Boys streuen auch ganz Rap-typisch die Region in die Texte ein: "Santa Barbara, Kalifornien, represent". Zu verorten ist der Sound also in den späten Ausläufen vom West Coast HipHop und trotz eines dafür typischen relaxten und halbwegs funky Beats, werden mir ein Schnuff zu viele Effekte in die Song eingestreut. Dr. Dre hätte das so nicht abgenickt und auch ich kann weder den fehlenden Bass noch die Fake-Band verzeihen. 0/5
Vanderhell bringt die Menschen zur absoluten Ekstase. In hochexklusiven Privatkonzerten fordert das dekadente Klassikpublikum mehr, mehr, mehr. Das birgt eine klassistische Problematik, doch Vanderhell versteht das Geschäft: künstliche Verknappung = Hype. Auch Bob und Peter können sich der Anziehungskraft nicht entziehen. Verstehen kann ich die Gäste nicht, denn Vanderhell spielt mittelmäßig. Auf Konzerten schiebt er seine mangelhafte Fiedelei auf die Qualität seiner Geige (eine Klotz-Violine, wie eine Hörerin berichtet). Das Repertoire des Geigers ist wild, seinen Stil beschreiben die wenigen Kritiker*innen als "abgedrehtes Zeug". Nachvollziehbar, denn teilweise spielt Vanderhell lediglich abgehackte Töne, fragmentarische Motive mit großen Tonsprüngen und erinnert an Sautillé-Übungen zum Warmspielen (eine akzentuierte Bogentechnik). Mir fehlte der Gegenpol: also die zarten und weichen Töne. Von den Übungen gleitet Vanderhell in ein herausforderndes, aber sehr schönes Stück, das weiter große Sprünge beinhaltet, diesmal klingen die Töne aber schon deutlich gesetzter. Hierbei handelt es sich um "Caprice No. 9" von Niccolò Paganini. Der 1782 in Genua geborene Musiker war zu seinen Lebzeiten (und weit darüber hinaus) der weltbeste Geigenvirtuose und ebenfalls als Teufelsgeiger bekannt. Seine Kompositionen waren gleich seiner Spielweise so schwierig, dass behauptet wurde, Paganini hätte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um so gut geigen zu können. Vanderhell muss dafür aber noch ein bisschen üben. 3/5
Norman Hammley/DJ Evil (106 DER MANN OHNE KOPF, 2002) Der Disco-DJ ist ein echter Virtuose auf seinem Gebiet. Kaum ein DJ vermag eine Menge so zu kontrollieren wie DJ Evil. Dabei ist das Auffälligste an Hammley nicht sein Groove, sondern sein Kostüm, das ihn so aussehen lässt, als würde er ohne Kopf hinter den Turntables stehen. Hat schon etwas Geisterhaftes. DJ Evil dirigiert sein Publikum und lenkt die tanzenden Mengen mit seinen abgemischten funky Disco-Gitarrensounds. Manchmal wirkt das ein wenig zu choreografiert und tatsächlich haben investigative Recherchen der Drei ??? ergeben, dass im Publikum bezahlte Hype-People mittanzen. Der Musik tut das keinen Abbruch. Besonders die aufregenden Features bringen schillernde Disco Vibes mit seiner dunklen, kopflosen Evil-Welt zusammen. Der mystische Discotrack "Devil Dancer" ist ein absoluter Hit. Kein Wunder: Monique Carrera (bekannt aus 101 DAS HEXENHANDY und gesprochen von Amanda Lear) liefert hier den Gesang. Ihre dunkle Stimme bringt einen ikonischen, brachialen Sound in die Welt von DJ Evil. 5/5
Crystal Dreamspell (170 STRASSE DES GRAUENS, 2014) Peter und Justus hören den Song in einem Club und später auch im Radio. Über die Musikerin erfahren wir nichts, vielleicht höre ich ihnen auch nicht mehr zu, weil die Musik mich so mitzieht. Der Song "Living on Third Street" hat einen dumpfen Beat, der Gesang ballert mit heftigem Autotune und könnte eine BRAT-B-Seite sein. Die Hook wird von einer Computerstimme im Daft-Punk-Stil wiederholt. Den will ich direkt für meinen Sommer nochmal irgendwo runterziehen, Justus Jonas hingegen verleitet der Song zu der Aussage: "Ich hasse Disco-Fälle". 5/5
Lenny the Rock (183 DER LETZTE SONG, 2016) Er gehört zu den ganz Großen und doch scheint er nahbar. Seinen Geburtstag feiert er mit einem rauschenden Konzert, zu dem er die Drei ??? eingeladen hat – ein Glück, er wird nämlich direkt von der Bühne entführt. Bis dahin lief’s aber ganz gut für den rockigen Liedermacher. Seine Karriere ist nicht nur von seinem Western-Sound geprägt, sondern auch von seinen kritischen Lyrics. Mit Songtexten gegen Polizeigewalt und regelmäßigen Auftritten in Gefängnissen scheint Lenny The Rock seine Stimme auch im übertragenen Sinne nutzen zu wollen. Johnny Cash gehört vermutlich zu seinen Idolen, denn auch musikalisch lehnt er sich stark an dessen monotone Erzählstruktur an. Während Lenny stilistisch immer in einem Singsang bleibt, liefert seine Band einen sehr vielfältigen Sound, der von Rock über Country bis hin zu feinstem Jazz variiert. In den Lyrics gibt es neben Geschichten von der Straße und schleppenden Lovesongs auch Rätsel und sogar echte Krimis zu entdecken. Im "The Lala Song" erzählt er eine Story von einem wilden Überfall, die er bei seinen Gefängnisauftritten aufgeschnappt hat. Der Song offenbart allerdings pikante Details, die letztlich zu dem Geburtstagseklat führten. Seine langjährige Karriere wird diese brisante Story sicherlich nochmal ankurbeln. 3/5 (für die Band, die auch noch weiterspielt, wenn Lenny The Rock die Bühne fluchtartig verlassen muss)
Ich habe nie auch nur einen Ton von PJ gehört und entspreche damit erstaunlicherweise dem PJ-Durchschnittsfan. Denn bei dem alten Rockmusiker, der sich mittlerweile aus dem Showgeschäft zurückgezogen hat, ging es vor allem um seine Bühnenshow. Wie ein Akrobat flog PJ mittels eingelassener Trampoline im Bühnenboden während seiner Konzerte durch die Luft. Besonders, aber nicht besonders musikalisch. Die Songs mussten dementsprechend darauf abgestimmt sein. Justus, Peter und Bob helfen ihm dabei, eine Einbruchsreihe in seinem Hotel aufzuklären, das voll mit Erinnerungsstücken ist und vom Kult um seine Person zehrt. An PJs größtem Hit "Hot Summer Night Party" hat der Zahn der Zeit genagt, er ist nur noch wenigen ein Begriff (Peter hat keinen blassen Schimmer, wer PJ ist, als er zum ersten Mal mit ihm telefoniert). Mir ist sowohl die überladene Show als auch das Nostalgieabgekulte in seinem Hotel suspekt und ich sage: PJ, konzentrier dich lieber aufs Wesentliche! Die Musik. 0/5
Das war ein Text über fiktive Musiker*innen in der Drei-???-Welt. Clubs scheinen da ganz geil zu sein, der Rest überzeugt mich nur mäßig. Gerade was Bands, Indie-Projekte und Pop angeht, fehlt es mir an Diversität – sowohl in puncto Genre als auch Gender. Wollt ihr noch einen Text über reale Musiker*innen, die es als Sprecher*innen bei den Drei ??? auftauchen?
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Geburtstag ohne Kuchen? Nicht in diesem Haus! Zur 100. Ausgabe backe ich uns Dolly Partons Walnut Pie. Die Zutatenliste sieht etwas besorgniserregend aus, ob das schmeckt? : – Melanie
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Dolly's Walnut Pie
1 Pie Crust (aufgetaut)
3 Eier 150 gr Zucker 240 gr Corn Sirup 1,4 gr Salz 60 gr geschmolzene Butter 10 gr Vanilla Extract
190 gr Walnüsse
Zum Servieren: geschlagene Sahne
Ofen auf 200°C vorheizen.
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Endlich wird wieder gebacken in diesem Newsletter! Das letzte (und einzige) Mal ist schon eine Weile her, damals habe ich mir Herbert Grönemeyers Lieblingskuchen vorgenommen. Der war durchaus nicht schlecht.
Schauen wir also, was Dollys Pie kann. Sie tweetete dieses Rezept 2017, ohne Bild. Findigen Bäcker*innen werden sofort zwei Dinge auffallen: Das ist eine Menge Zucker. Und einige der Zutaten gibt es in Deutschland so gar nicht. Letzteres können wir lösen, den Zuckerberg müssen wir akzeptieren. Schließlich wollen wir die volle Dolly-Experience.
Ich backe am Wochenende bei meinen Eltern. "Gekaufter Boden?!" Meine Familie ist entsetzt. Aber wir machen das so, wie die Country-Ikone es verlangt, und es passt ja auch irgendwie zu ihr. Bodenständig und hands on, warum soll man sich das Leben schwerer machen, als es eh schon ist? Pie Crust gibt es im regulären Supermarkt nicht, ich kaufe Quiche- und Tarteteig aus der Kühlung. Corn Sirup ist hier auch kein gängiges Backprodukt, also setze ich selbst schnell 225 gr Zucker und 75 ml Wasser auf den Herd, lasse es kurz aufkochen und dann abkühlen = DIY Zuckersirup.
Die Zubereitung dauert dann nur wenige Minuten, alle Zutaten außer den Walnüssen werden mit dem Rührgerät cremig geschlagen. Währenddessen frag ich meine Mama, ob sie Gefühle zu Dolly Parton hat. "Große!", sagt sie und in der Tat war Dolly in den letzten Wochen Thema in meinem Elternhaus, weil mein Papa nachts aus Versehen bei einer Doku über sie hängen blieb und daraufhin ganz schockiert berichtete, dass er ja gar keine Ahnung hatte, "was das für eine coole Frau ist! Da hatte ick wohl immer Vorurteile, weil die so aussieht," gibt er uneitel zu. Mama hat sich die Reportage daraufhin ebenfalls angesehen und schwärmt jetzt, "wie schlau und emanzipiert die ihr Leben gestaltet."
Die Masse kommt in eine Form (22 cm Durchmesser), die vorher mit dem gekauften Tarteboden ausgelegt wurde. Als ich die gehackten Walnüsse in die Zucker-Ei-Pampe streue, macht das ein toll plumpes Geräusch.
Der Pie wird 10 Minuten bei 200 Grad gebacken, danach weitere 45 Minuten bei 150 Grad.
Der Anschnitt an der Kaffeetafel hält die Familie in Atem. Vor uns steht etwas, das optisch einer Hackfleisch-Quiche ähnelt. Als das Messer in die Kruste stößt, krümelt die obere Schicht auseinander. Die flüssige Masse hat sich geteilt, ähnlich wie beim Zauberkuchen. Auf dem Tarteboden haben Zucker, Butter und Ei eine Art 1,5 cm dicke Puddingschicht gebildet, in der die Walnüsse chillen. Obendrauf ist eine hauchdünne Baiserschicht entstanden. Es ist ein Crunch-Knusper-Creme-Erlebnis. Sehr süß, aber es funktioniert. Wie Dolly, könnte man jetzt sagen, wenn man einen Vergleich zwischen Kuchen und Country-Karriere herbeiziehen wöllte.
Papa macht seine "Sehr lecker"-Geräusche, Oma ist begeistert, auch wenn sie nicht weiß, wer Dolly Parton ist. "Kannste Dolly Parton sagen, dit is schon sehr edel," sagt Mama und tut sich das zweite Stück auf.
Wenn ihr über Kuchenrezepte von Musiker*innen stolpert, schickt sie mir!
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PS: Berechtigte Frage, die ihr euch jetzt sicher stellt: Hat Rosie nichts vom Jubiläumskuchen abbekommen? Nein, wir haben uns nicht gesehen. Aber sie ist nicht traurig, im Gegenteil: "Mir ist der durchschnittliche Zitronenkuchen schon zu süß. Manchmal fügt sich alles, wie es soll. 100 Kerzen puste ich trotzdem aus."
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Das G in GEMA steht für "Gähn" – umso überraschender, dass es plötzlich rund um die jährliche Mitgliederversammlung ungewöhnlich emotional zugeht. Demonstrationen werden organisiert, flammende Appelle in überregionalen Printmedien abgesetzt, in Gremiensitzungen wird geweint. Das GEMA-Umfeld verwandelt sich in das Set einer argentinischen Telenovela. Was ist geschehen? – Ein Gastbeitrag von Timo Richard
Vorweggesagt – Texte über die GEMA sollten gewohnheitsmäßig mit Disclaimern und Warnungen versehen werden. Alles langweilig, alles kompliziert, alles intransparent, alles unverständlich – das ist das Image, das Verwertungsgesellschaften richtigerweise mit sich herumtragen. Sie beschäftigen sich halt mit langweiligen, komplizierten, intransparenten, unverständlichen Themen wie Urheberrecht, Buchhaltung oder Vertragsbeziehungen. Dafür, dass die GEMA ein integraler Teil der Kreativwirtschaft ist und im Jahr 2024 immerhin mehr als 1,1 Milliarden (!) an ihre Mitglieder ausgeschüttet hat, führt sie ein wenig beachtetes Dasein und wird gerne mal mit der GEZ verwechselt. Das sind die Lebensbedingungen in der grauen Zone des Musik-Ökosystems. Taylor Swift kommt hier nur selten vorbei.
Warum die GEMA so ist wie sie ist – und auch leicht beleidigt darauf reagiert, wenn man sie mit der GEZ verwechselt – ist leichter verständlich, wenn man realisiert, dass die GEMA ein Verein ist. Genau, ein e.V., so richtig deutsch. Manch anderer Verein ist sicher inhaltlich weniger langweilig (Karneval – tätäää), wer aber einmal die kondensierte Version einer Vereinssitzung in Loriots ÖDIPUSSI gesehen hat, kann schon leichter nachvollziehen, warum alles kompliziert, intransparent und unverständlich ist – man muss sich halt auch um "die Ablösung des Mannes bei gleichzeitiger Aktivierung der Frau unter Einbeziehung der Feuchtbiotope in das Deutsche Volk als unteilbare Nation" kümmern. Bei der GEMA nennt sich das dann Verteilungsgerechtigkeit – ein ganz heißes Eisen! Vorschlag: eine gerechtere Verteilung der Förderungen
Und so kam es einer Revolution gleich, dass die GEMA auf Vorlage des Vorstands und Empfehlung des Aufsichtsrates etwas an ihrem heiligen, über Jahre und lange Gremiensitzungen gewachsenen Regelwerk ändern wollte – sie wollte es nämlich vereinfachen. Zur Mitgliederversammlung 2025 wurde der Antrag 22a "Reform Live" diskutiert (jetzt nicht einschlafen!) und dabei eine Wahrheit über den Zustand der Musikindustrie und der Kulturlandschaft offenbart, die alle GEMA-Mitglieder nur traurig stimmen kann.
Worum geht es? Bei der GEMA wird seit jeher in U-Musik und E-Musik unterschieden, das U steht für Unterhaltung, das E für Ernste Musik. Stünde diese Unterscheidung nur für musikalische Genres wäre sie wahrscheinlich egal, sie steht aber mittlerweile im Kontext einer Musikindustrie, die kleinen und mittelgroßen Künstler*innen kaum eine Möglichkeit bietet, hauptberuflich Musik zu machen. Keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Einnahmen aus Streaming, kein Platz in der Playlist, keine Albumverkäufe. Was bleibt sind Fördergelder und wenn es um Selbstverständnis und Geld geht, kann man niemandem ein U für ein E vormachen.
Einfach gesagt beinhaltet 22a folgendes: Komponist*innen sogenannter E-Musik (also experimenteller Musik, neuer Klassik und ähnlichem) werden bei der GEMA grundsätzlich gefördert, weil ihre Werke nicht ständig bei KISS FM laufen und ihr Schaffensaufwand irgendwie belohnt werden soll. Darauf hat sich der Verein geeinigt, als die Welt noch eine andere war und andere ökonomische Voraussetzungen in der Kultur herrschten. Zukünftig sollen Ernste und Unterhaltungsmusik in der Verteilung und Förderpraxis nicht mehr so unterschiedlich behandelt werden; stattdessen soll ein einheitliches, genre‑neutrales System implementiert werden. Egal, ob experimentelle Klassik oder experimentelle Elektronik – eigentlich hat die GEMA nur eingesehen, dass viele ihrer Mitglieder in einem kapitalistisch organisierten Aufmerksamkeitsmusikmarkt keine realistische Überlebenschance haben, nicht nur die Edelfedern mit Bratschenvorkenntnissen. So wie der Musikmarkt organisiert ist, wird quasi niemand mehr von KISS FM gespielt, also sollten die Fördergelder mehr Musikschaffenden zur Verfügung gestellt werden. Ernste Musiker*innen machen ihrem Namen alle Ehre
Angeführt von Moritz Eggert, dem Präsidenten des Deutschen Komponistenverbandes (der heißt so, da haben wir nicht zu gendern vergessen), liefen die ernsthaften Musiker*innen Sturm und beschworen die Kulturapokalypse herauf. Die GEMA wolle anspruchsvollen Komponisten*innen mit ihrer Reform die Lebensgrundlage entziehen. Vor der Mitgliederversammlung wurde eine Demonstration mit Kuhglockengeläut organisiert. In Aussprachen und Diskussionen ging es darum, dass junge E-Komponist*innen unter diesen Voraussetzungen vielleicht nie ihren Beruf ausüben könnten, man raufte sich die Haare, man weinte, man zeterte in den sozialen Medien und nörgelte im Feuilleton. Dann kam wieder der Verein ins Spiel: Der Antrag 22a wurde knapp abgelehnt, alles bleibt so wie es ist, die E-Komponist*innen hatten so weit mobilisiert, dass ihre Privilegien – die sie selbst nicht als solche, sondern als Verteilungsgerechtigkeit empfinden – weiter geschützt bleiben. Diejenigen, die gegen die Reform gearbeitet haben, feierten, alle anderen waren deprimiert.
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Diejenigen U-Musiker*innen, die anscheinend dachten, sie müssten nicht mit abstimmen, weil "Verteilungsgerechtigkeit" sie ja sicher auch mit einschließen wird, blieben still. Unter Unterhaltungsmusiker*innen ist man es wohl gewohnt, dass Musik einfach ein teures Hobby ist und aus Sicht der E-Komponist*innen darf das auch gerne so bleiben. Die wiederum nehmen für sich in Anspruch, dass ihre hochgeistigen Kreationen bis in die unterste Newcomer-Ebene durchgefördert werden müssen, während die Unterhaltungsmusik einfach nach kapitalistischer Wettbewerbslogik funktionieren darf. Dass sie dabei jedes Klischee des versnobten Klassik-Bildungsbürgers bestätigen, ist unter dem bestehenden ökonomischen Druck erstmal egal. Im Land der ernsthaften Musik scheint man immer noch der Auffassung zu sein, dass bei den anspruchslosen Unterhaltungsmusiker*innen das Gras nicht nur grüner ist, sondern auch besser bezahlt wird. Interessant ist dabei, dass ernsthafte Musik für ihren Förderanspruch eine Begründung in Anspruch nimmt, die sie der Unterhaltungsmusik nicht zugesteht: die durchschnittliche dodekaphonische Symphonie findet wenig Publikum und sollte deshalb gefördert werden. Ersetzen wir in diesem Satz “dodekaphonische Symphonie” gegen "feministische Post-Punk-Hymne" wird es in Konservatoriumshallen schnell dunkel. Woran liegt's? Kann es sein, dass die wahnsinnig komplexe Landschaft der ernsten Musik kein Gepür für die Komplexität von Unterhaltungsmusik hat und alles, was nicht Dieter Bohlen ist, ignoriert? Hat Moritz Eggert eine Lieblingspunkband? Solidarität? Nee. Schlacht um die Krümel!
Das Traurige daran ist, dass nicht ein Wort darüber verloren wird, wie absurd es ist, dass man als Musiker*in in den meisten Fällen in einem System arbeitet, in dem man auf Förderung angewiesen ist. Warum man gegen Reformen des eigenen Interessensverbandes kämpft und damit eine Institution trifft, die tatsächlich fördert, und sich nicht stattdessen gegen diejenigen engagiert, die immer mehr Mittel aus der Kultur ziehen, bleibt irgendwie nebulös. Wo waren die E-Komponist*innen, als Wolfram Weimer Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien wurde?
Noch trauriger ist, dass sich die Komponist*innen verhalten haben, als würde eine sinistre Macht das Prinzip "teile und herrsche" auf sie anwenden, obwohl die GEMA doch ihr Verein ist. Die Spaltung in E und U ist eine Schöpfung der Mitglieder und wurde durch das Abstimmungsverhalten zementiert. Die Mitglieder der GEMA könnten die Themen setzen, könnten auf Entwicklungen in Kultur und Musikmarkt reagieren und die Macht ihrer Gemeinschaft nutzen, um Druck auf die Politik auszuüben. Die GEMA hat knapp 100.000 Mitglieder, das ist so viel wie ein mittlerer Fußballclub. Die knapp 100.000 haben sich aber – ganz Verein – in einer Diskussion über Feuchtbiotope verloren und damit die Macht ihrer Gemeinschaft unterschätzt. Wenn sie sich mit einem ähnlichen Elan dem Aufbau von Strukturen für Musiker*innen, die nicht kommerziell erfolgreich sind, weil sie eben nicht jede Woche einen Mallorca-Banger abliefern, widmen würden, wie der Verteidigung ihres Teils des Kuchens, wäre allen mehr geholfen und die GEMA wäre ein ernstzunehmender Gegenpol zu einem Musikmarkt, der gerade seinen Mittelbau verliert.
Anstatt sich als Solidargemeinschaft zu verstehen, die zu großen Teilen mit den selben ökonomischen Problemen zu kämpfen hat, dabei aber denselben künstlerischen Anspruch verfolgt (minus Dieter Bohlen), wurde für den Vorteil von Untergruppen gekämpft. Die meisten GEMA-Mitglieder verdienen mit ihren Tantiemen noch nicht mal den Mitgliedsbeitrag und treten trotzdem nicht aus. Manchmal wäre es schön, wenn auch Musiker*innen gerne nur so anders sein wollten, wie alle anderen.
Was sagt ihr dazu? Ist es 2025 immer noch zeitgemäßg, dass E-Musik mehr gefördert wird als U-Musik?
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Timo war vor tausend Jahren Melanies erster Chefredakteur. Er ist über Bande also mitverantwortlich, dass es ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt. Heute ist Timo meist kein Musikjournalist mehr, lebt aber wie einer immer noch den Traum vom späten Durchbruch seiner Band. Was er jetzt beruflich macht, solltet ihr für 'nen kleinen Schmunzler mal googlen.
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Das war's für dieses Mal. Dolly Partons Kuchen wäre Melanie fast im Ofen verbrannt, weil ihre 3-jährige Nichte währenddessen im Wohnzimmer das komplette Nussknacker-Ballett (in allen Rollen) aufgeführt und strikte Anwesenheitspflicht aller verfügbaren Zuschauer*innen angeordnet hat. Rosie hat mit ihrer Freundesband früher "Ballet" zu Lord of The Dance getanzt. Dabei trugen sie oft Strumpfhosen auf dem Kopf, weil sie den aufgedreht Tanz mit ihrer Interpretation von Till Eulenspiel zusammengeworfen haben. Bevor ihr fragt: es gibt keine Videos davon.
Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 30. Juli.
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