Heute: Stevie Nicks und ihre Tauben. Dazu: Wie lange tragt ihr euer Bandshirt? Also nicht bis ihr es wascht, sondern so im generellen Lebenszyklus der Band. Erfahrt, was das über euch aussagt. Und: Wie geht man mit einer Kreativblockade um? The Beths liefern 6 konkrete Tipps.
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Neulich striff ich mal wieder durch Wikipedia, as you do, und strandete auf der Seite zu "Edge Of Seventeen", dem wahrscheinlich bekanntesten Solo-Song von Stevie Nicks. Da erfuhr ich Unglaubliches. – Melanie
Just like a white winged dove sings a song sounds like she's singing ooh, ooh, ooh
"Ooh, ooh, ooh" macht die Taube, das kommt lautmalerisch schon ungefähr hin. Das wusste Stevie Nicks aber nicht, sie hatte den Satz "The white wing dove sings a song that sounds like she's singing ooh, ooh, ooh." nur in einem Bordmenü im Flugzeug gelesen und fand ihn scharf. Tatsächlich hatte sie noch nie eine Taube gehört. Und das sollte auch so bleiben – bis 2020. Da postete sie bei Instagram ein Video von einer Taube und schrieb, sie hätte jetzt zum ersten Mal eine singen gehört. 40 Jahre nach Veröffentlichung von "Edge of Seventeen", mit damals 72 Jahren. Könnt ihr das glauben? Als nächstes erzählt mir noch jemand, dass Prince nie eine Taube hat weinen sehen. Die Weißflügeltaube klingt so und kommt im Südwesten der USA vor – auch in Phoenix, Nicks' Heimatstadt, und an der Westküste Nordamerikas, wo Fleetwood Macs Karriere begann. Dieser Foreneintrag bei Birdist liefert sogar eine Karte von Taubensichtungen in Phoenix, die zeigt, dass es quasi unmöglich ist, keine Taube zu hören. Wahrscheinlicher ist es, dass Stevie Nicks also durchaus Tauben in ihrem Leben gehört, sie aber einfach nie beachtet oder bewusst wahrgenommen hat. Lasst euch also diese kuriose Meldung eine Lehre sein: Tauben muss man hören wollen. Und das könnt ihr durchaus als Metapher verstehen.
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Stevie Nicks live sehen? Tja, blöd, sie hat grad keine Shows in der Nähe angesetzt. Viele andere Musiker*innen aber schon. Loft Concerts sagt euch, wer. Schaut mal rein, welche Konzerte sie aktuell bieten.
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Unsere Beziehung zu keinem anderen Kleidungsstück unterliegt so sehr dem Verhalten einer anderen Person wie die zu einem Bandshirt. Neulich sagte jemand zu mir: "Ach man, ich würde gern meinen Parcels-Pullover anziehen, aber die Band ist jetzt zu groß. Das geht erst wieder, wenn sie RICHTIG groß sind." Es folgte eine Diskussion darüber, wann und wie lange man Bandshirts gemeinhin trägt, tragen kann und tragen darf. Dabei wurde klar, dass es im Groben zwei Kategorien für Bandshirtträger*innen gibt. Passt auf: – Melanie
Kategorie 1: Der beständige Fan Diesem Fan ist der Bekanntheitsgrad seines Lieblingsartists egal. Sobald das T-Shirt gekauft wurde, wird es immer getragen, ungeachtet des sich verändernden Bekanntheitsstatus' der Band oder der Künstler*innen. Der Kauf passiert mit einer Anfangseuphorie von 10, die sinkt zwar leicht, bleibt aber konstant. Das Shirt wird zu seinem festen Bestandteil des Kleiderzyklus.
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Kategorie 2: Der Indie-Fan Diese Person hat die Band schon gesehen, als sie "noch in ganz kleinen Clubs" gespielt hat und erzählt das auch gern. Das T-Shirt, das bei einer dieser legendären ersten Shows gekauft wurde, trägt er oder sie so lange, bis der gemeine Pöbel beginnt, sich auch für die Band zu interessieren. Weil man nicht mit denen in einen Topf geworfen werden will, wandert das Shirt ganz hinten in den Schrank.
Im weiteren Verlauf tritt eines der drei folgenden Szenarien ein: Szenario 1: Das T-Shirt wird nie wieder angezogen, die Band ist verbrannt. Dabei spielt es keine Rolle, wie sich die Musik qualitativ entwickelt. Der performative Urfan kann nicht über den eigenen Schatten springen und will das auch gar nicht.
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Szenario 2: Die Band wird durch ihren beständig qualitativ hochwertigen Output immer beliebter, sie kommt den Status "Kulturgut", alle können sich auf sie einigen. Jetzt wird das T-Shirt wieder aus dem Schrank gekramt, denn da es von der ersten, höchstens der zweiten Tour ist, kann sich der Fan hier als Kenner*in der ersten (höchstens der zweiten) Stunde zeigen. Das ist "Ich habe es schon immer gewusst." in T-Shirt-Form. Das wäre der Parcels-Fall, vorausgesetzt Parcels gehen diesen Weg.
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Szenario 3: Sieht ähnlich aus wie Szenario 2, hat aber ganz andere Beweggründe. Die Band wird immer beliebter, aber durch den wachsenden Erfolg faul. Ihre Musik ist qualitativ schlechter; massentauglich, aber langweilig. Die Band wird musikalisch irrelevant. Jetzt kann der Fan das Shirt wieder herauskramen, denn es besteht kein Zweifel, dass mit dem Tragen des sichtlich alten Shirts mit dem Design der ersten (höchstens der zweiten) Platte nur eine Identifikation mit dem Frühwerk gemeint sein kann. Ich zum Beispiel hab noch mein Longsleeve von der allerersten Seeed-Tour.
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So ist das. Welcher Typ seid ihr? Haben wir eine Kategorie übersehen?
Beide Kategorien unterliegen außerdem Faktoren, die nicht mit dem Fantum zu tun haben, die Tragewahrscheinlichkeit aber dennoch beeinflussen können. Diese werden hier nicht beachtet, könnten aber sein: Passform des T-Shirts Verarbeitungsqualität des T-Shirts Modegeschmack der Träger*in nicht-musikbezogene Assoziationen zur Band oder zum T-Shirt (z.B. verflossene Lover etc.) Künstler*in/Bandmitglied fällt als kompletter Trottel auf
Es gilt wie immer: Zieht an, was ihr wollt. Außer Shirts der Band auf dem Konzert der Band, das ist verboten.
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Liz Stokes, Frontfrau von The Beths, hatte eine Schreibblockade: "Es war, als wäre der Kompass, der mich sonst zu dem hinführt, was ich gerade stark empfinde, nicht mehr kalibriert. Als würde er sich nur im Kreis drehen", sagt sie. Mit vielen Kniffen hat sie die Nadel aber wieder ausloten können, denn Ende August erschien STRAIGHT LINE WAS A LIE. Das Album ist offener, tiefer, und sticht aus der The-Beths-Diskografie heraus. Wie ist Liz dahin gekommen, obwohl sie erst überhaupt nicht schreiben konnte? Das habe ich die Neuseeländerin gefragt. Daraus entstand eine kleine Liste, wie man kreative Blockaden aller Art lockern könnte. – Rosalie
Wie es oft so ist – eine Krise kommt selten allein und alles bedingt sich gegenseitig. Nach der letzten Tour 2022 kam Liz Stokes nicht wieder in ihren täglichen Rhythmus rein. "Selbst wenn ich versucht habe etwas zu schreiben, konnte ich es einfach nicht", erzählt sie mir. Ihr wurde Morbus Basedow diagnostiziert, eine Schilddrüsenerkrankung, die sich auch stark auf das Gemüt (Depressionen, Angstzustände) auswirkt. "Es war wahrscheinlich eine Kombination dieser Situationen", spekuliert Liz, als wir über die Blockade sprechen, "und dann haben mir die SSRIs [eine Form von Antidepressiva, die sie mit anderen Medikamenten genommen hat] wirklich geholfen, eine neue Routine zu finden. "Aber das Einzige, was mir in meinem Tagesablauf noch fehlte, war, dass es mir wieder gelang, Musik zu schreiben." Also hat Liz sich auf verschiedene Methoden konzentriert.
Inspiriert von Stephen Kings kreativer Routine schrieb sie jeden Tag zehn Seiten. Ohne Druck, egal was bei herumkommt. Dabei geht es viel um sogenanntes automatisches Schreiben, also Schreiben ohne abzusetzen. Dafür ist es okay, wenn sich die Gedanken im Kreis drehen oder man Worte wiederholt. "Es musste nicht gut sein, das war das Besondere daran. Es musste einfach irgendetwas sein. Vieles davon sind also sich wiederholende Phrasen", erzählt Liz. Durch die recht hohe Anzahl an Seiten kommt man aber zwangsläufig regelmäßig zu neuen Gedanken und Erkenntnissen. "Es war in gewisser Weise ziemlich therapeutisch, denn wenn man einmal über all die offensichtlichen Dinge gesprochen hat, denkt man sich: Okay, ich glaube, ich muss etwas weiter schauen und vielleicht über einige unangenehme Dinge schreiben. Und die Sache ist die: Sobald man anfängt, darüber zu schreiben, sind sie manchmal weniger beängstigend, als man denkt." Dabei ist eine ganz schöne Masse an Text zusammen gekommen. Stephen King teilt die Seiten außerdem auf: fünf sind ganz frei und fünf widmet er seinem derzeitigen Projekt. Liz hat sich also manchmal Themen, Inspirationen oder konkrete Aufgaben in die Übung genommen. Sie betont, dass nicht jede Idee zu einem Ergebnis führte. "Meistens produziert man nur Schrott, aber vielleicht gibt es auch etwas Interessantes, selbst wenn der Anteil nur 5 % beträgt. Also habe ich alles durchgesehen und überflogen und wenn ich etwas gefunden habe, das interessant war, eine gute Formulierung oder eine spannende Idee, habe ich es markiert. Es war wie Bergbau. Vieles davon war schrecklich und ich würde es nicht noch einmal durchgehen", lacht sie.
Abstand Liz erzählt, sie habe, nachdem sie mehrere Monate ihre 10 Seiten artig durchgezogen hat, erste Demos erstellt. Dann hat sie sechs Wochen Abstand von allem genommen, was sie produziert hat, ob Text oder Melodie. "Ich wollte die Songs irgendwie halb vergessen und dann mit neuen Augen betrachten und anhören, damit ich sagen konnte: Oh, okay, ist es das, woran ich mich erinnere? Das war, als würde ich mir selbst Raum mit dem Song geben, um mich zu fragen, ob er das aussagte, was ich wollte, und das tat, was ich von ihm erwartete."
Fun Wo sie konnte, baute sie Spaß ein. Ihre Seiten tippte sie zum Beispiel auf einer Schreibmaschine. Bei früheren Alben hat sie noch mit Notiz-Apps oder einem Notizbuch gearbeitet. Diesmal wollte sie gezielt etwas Neues in den Prozess bringen. "Es war einfach eine nette Abwechslung. Die Schreibmaschine ist sehr taktil, und ich kann ziemlich schnell blind tippen, sodass ich viel weniger Zeit brauchte, als wenn ich es von Hand mit einem Stift geschrieben hätte." Bei zehn Seiten am Tag scheint das ein wichtiger Faktor. Im Unterschied zu einem Computer sagt Liz aber, es habe ihr besonders geholfen, dass man das Geschriebene nicht löschen könne. "Die Schreibmaschine macht auch ein tolles Geräusch und es ist, als gäbe es eine Art Rhythmus. Das fühlt sich wie eine Belohnung an: Wenn man in einen Schreibfluss kommt, bekommt man diesen Beat. Ich finde, alles, was einem beim Schreiben Spaß macht, auch wenn es nur Geräusche sind, ist auf jeden Fall hilfreich."
Regeln Für die einzelnen Alben setzen sich The Beths jedes Mal neue Einschränkungen, denn manchmal helfen Regeln, den kreativen Prozess in Gang zu setzen. Nicht selten kann komplette Freiheit auch überfordern. Für STRAIGHT LINE WAS A LIE haben sie sich vorgenommen, auf Synthesizer und Keys zu verzichten. "Wenn wir einen Synthklang wollten, mussten wir uns ausdenken, wie wir das ersetzen konnten. Ben und Jonathan verwenden beide verrückte, neue Gitarrenpedale. Es geht darum, sich zu überlegen: Okay, wenn ein Song ein Problem hat, das man mit einem Keyboard-Synthesizer lösen könnte, warum ist das so? Welches Gefühl wollen wir damit erzeugen? Und wie können wir das anders erreichen?" Für das vorherige Album EXPERT IN A DYING FIELD haben The Beths sich übrigens darauf fokussiert, dass alles live spielbar ist und sie so nah wie möglich an ihrer Bandaufstellung bleiben. Auf dem neuen Album singt Liz hingegen zum Beispiel auch viele Backing Vocals, während auf anderen Alben die Hintergrundgesänge dann eher von Jonathan übernommen wurden.
Visualisierung "Bevor wir ein Album aufnehmen, versuchen wir, über Dinge nachzudenken, an die wir uns immer wieder erinnern wollen. Wir haben sie auf große Plakate geschrieben und an die Wände gehängt. Auf einem stand sowas wie 'Musik für Musiker*innen und Kinder'", erklärt Liz. Das ist quasi Manifestieren in Aktion, denn so bleiben die Leitsätze und Ideale immer zum Greifen nah. Gerade die Zielgruppe zu visualisieren kann helfen, sich nicht zu verzetteln, indem man versucht alle abzuholen.
Offenheit Liz hat ein bisschen herumprobiert, bevor sie Methoden fand, die wirklich zu ihr passen und etwas in ihr auslösen. So hat sie auch mal das Pferd von hinten aufgezäumt und versucht, mit der Melodie statt dem Text zu beginnen. Auf diese Idee kam sie, nachdem sie einen Online-Songwritingkurs von Adrienne Lenker (Big Thief) besucht hatte. "Das ist genau das Gegenteil. Man nimmt einfach sein Instrument in die Hand und es kommt nur Kauderwelsch heraus, das sich dann in Worte verwandelt, und man schafft aus diesen Worten eine Bedeutung." Liz hat außerdem angefangen für die Demos mit der Produktionssoftware Ableton zu arbeiten: "Es zieht dich irgendwie in diesen Loop hinein, was für mich interessant war, weil ich das noch nie zuvor gemacht habe. Es hat also Spaß gemacht, bei der Erstellung von Demos mit dieser Technologie zu arbeiten."
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STRAIGHT LINE WAS A LIE fühlt sich tiefschürfender an als die vorherigen The-Beths-Alben. Vielleicht war die Zeit, die Liz in den neuen Songs verarbeitet, einfach härter. Vielleicht haben all diese Methoden aber auch die ein oder andere Erkenntnis gebracht, der sie sich vorher versperrt hatte. "Mother Pay For Me" hat mich schon fünfmal zu Tränen gerührt und ist so intim, dass ich mich fast etwas voyeuristisch fühle. "Til My Heart Stops" ist voller getrübter Hoffnung und schmeckt nach Lakritztoffees. "Mosquitoes" ist der viel bessere "Circle Of Life" (sorry Elton), weil es die Bitterkeit dieses Kreislaufs mit einfängt. Das Album scheint, als hätte Liz viele Splitter, die sich über die Jahre in ihre Seele eingezogen haben, mit bunten, lustigen Rahmen in einem Museum ausgestellt. Ich traue mich an dem Ausstellungsort nur zu flüstern, aber ihre Gefühle erklingen laut und schön.
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Das war's für dieses Mal. Bei Melanie ist mal wieder das Kopfhörerkabel kaputt gegangen und der Moment, in dem eine Ohrmuschel ausfällt, zählt wohl sicher zu den 10 schlimmsten körperlichen Phantomschmerzen. Rosie zerstört Kopfhörer im Halbjahrestakt und findet, sie verdient keine guten mehr. Sie hat deswegen schon mal kleine Stromschläge direkt ins Ohr bekommen, glaubt aber fest, dass sie eigentlich seitdem ein absolutes Gehör haben muss.
🏆 Wir sind in der Kategorie "Musikjournalist*in des Jahres" für den International Music Journalism Award nominiert! Drückt die Daumen, vielleicht gewinnen wir ja. Wenn nicht, ist auch nicht schlimm, wir freuen uns so oder so wie verrückt.
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Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 24. September.
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