Heute: Wolf Alice wollen ins Stadion und tun dafür alles, was eine gute Werbekampagne braucht. Wir haben ihre Bemühungen genau beobachtet. Und: Kann ein Festival ein Horcrux sein? Ein viel zu persönlicher Nachbericht vom Øya in Oslo.
Außerdem graben die sauren Glühwürmchen von Loft Concerts dieser Ausgabe ein praktisches Tunnelsystem. Loft veranstaltet Konzerte in Berlin. Schaut mal rein, was sie euch grad bieten. Unterstützt auch ihr uns einmalig bei Paypal oder sichert euch Fan-Vorteile bei Steady und sorgt dafür, dass wir weitermachen können:
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LIVE TERMIN
Wie schon im letzten Jahr möchten wir zum Z2U4-Saisonabschluss für euch eine Show auf die Beine stellen, bei der ihr euch prächtig amüsiert und aus Versehen was lernt. Wir bringen den Newsletter auf die Bühne – und hoffen, dass ihr dabei seid! ❤️🩵💛
ZWISCHEN ZWEI UND VIER live – die Musik-Wissens-Quatsch-Show!
Was da genau passiert:
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Schon 32 Tickets weg! Findet ihr nicht viel? Das ist so viel – für uns, aber auch generell in einer Veranstaltungslandschaft, wo mehr und mehr Shows wegen schlechter Ticketverkäufe abgesagt werden müssen. Und: es ist bereits ein Drittel der gesamten Plätze. Drei Monate vor der Show!
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Wolf Alice haben mit ihrem neuen Album THE CLEARING Großes vor. Es klingt nach Stadion und Vegas Residenz und wenn man sich den beachtlichen Medienrummel ansieht, der um die Veröffentlichung veranstaltet wird, ist klar, dass die Band auch genau dort hin will. Erstmals mit Major Label im Rücken wird auf die Top 3 der Albumcharts abgezielt. Wie? Erklär ich euch. Ob's aufgeht? Das erfahren wir dann erst am Freitag und auf der folgenden Tour. – Rosalie
Presseevents Nach dem erfolgreichen letzten Album BLUE WEEKEND und ihrer Tour mit Harry Styles wechselten Wolf Alice von Dirty Hit zu Sony Music. Und Sony buttert rein. Presseevents sind nämlich eigentlich etwas, wovon alte Musikjournalismushasen mir als 'junger Maus' ständig erzählen, für das aber die wenigsten Labels heute noch Geld ausgeben. Wenn sie es also tun, haben die Plattenfirmen große Pläne und wollen, dass eine Kampagne funktioniert. Meistens gibt es dann irgendwo Freigetränke und Häppchen, jemand moderiert ein Gespräch, erzählt über die Künstler*innen und anschließend hört man gemeinsam die Musik. Oft vom Band, manchmal gibt es aber auch vereinzelte Live-Leckerbissen. Mit intimen Shows, die etwa je zur Hälfte aus Fans und Musikindustrie bestanden, haben Wolf Alice schon im Juni in Berlin, Paris, Utrecht, LA und London für Buzz und Storys gesorgt. Auch ein kurzer After Show-Drink war eingeplant, bei dem sich die Band aufteilte und mit allen Anwesenden glücklichen Small Talk hielt. Ich habe meine Nerven komplett verloren, als ich Gitarrist Joff Oddie erklärte, was sonst im SchwuZ (wo das Berliner Konzert + Party stattfand) läuft. In einem Interview mit Music Week erzählt der Bassist Theo Ellis von diesen Konzerten und Partys: "Wir konnten nach Italien oder Frankreich reisen und dort mit einer ganzen Reihe von Leuten zusammenarbeiten, die bestimmte Leute dazu bringen, sich unsere Musik anzuhören. Das hatten wir vorher [vor dem Move zu Sony] noch nie und es ist einfach großartig." Ich denke, diese Events haben angeschlagen und das Quartett in ein größeres Licht gestellt, als es bis dahin stand, denn seitdem sehe ich überall Berichterstattung zur Band. Bei einschlägigen Medien wurde jede einzelne Single vorgestellt. Auch bei weniger offensichtlichen Gazetten wie der Gala erschienen Artikel über Wolf Alice. Coverstories beim britischen Rolling Stone und Dork Magazine folgten. Es gab Performances bei Later with Jools und bei Jimmy Kimmel. Die prominente Platzierung kann auch am Sommerloch liegen, aber ihre Präsenz ist auffällig.
Listening Sessions Statt eines üblichen Listening Links zum Album im Postfach (Medien bekommen vorab meist einen Stream zu neuer Musik, damit die Reviews bei Veröffentlichung fertig sind), gab es für Journalist*innen eine Listening Party am Vorabend der SchwuZ-Show. Man hörte das Album also in großem Gestus zum ersten Mal im Kollektiv, und nicht allein daheim. Dazu kam eine Ansprache ihres Labels Sony, das Wolf Alice eine Karriere wie Bruce Springsteen voraussagte. Alles sehr bedeutungsschwanger. Auf den kleinen Tischen standen gigantische Blumenarrangements, passend zur Single "Bloom Baby Bloom". Die Menschen um mich herum waren vorrangig von Print und Radio. Sich so stark auf die ‘alten Medien’ zu konzentrieren macht bei dem 70er-Jahre-Sound dieses Albums auch wirklich Sinn, denn aktuell hat Wolf Alice dem Konzertpublikum zufolge eine recht junge Mitte-Ende-20er Zielgruppe. Mit dieser Platte voller Beatles-Referenzen nochmal gezielt auf die klassischen Rolling-Stone-Leser*innen zu gehen, macht den Wunsch nach breiterer Öffentlichkeit sehr deutlich.
Social Media Bei den Konzerten und den großen Festivalshows (Glastonbury, Primavera) wurde clever mitgefilmt, sodass man aus der Stelle, wo alle zu den Violinen der zweiten Single "The Sofa" mit den Armen wedeln, eine gute Montage basteln konnte. Es gab für jede Single eine Welle neuer Fotos, Snippets und Livevideos. Social Media war nie ein großes Thema bei dieser Band. Was wir hier sehen ist für heutige Begriffe zwar Standard, im Wolf Alice-Universum wirkt es jedoch außergewöhnlich, wie viele Einblicke uns hier gegeben werden. Es gab in den vergangenen Wochen Take-Over-Stories von jedem einzelnen Bandmitglied, verschiedene Reels, die zwischen professionellen Videos und vermeintlich privaten Selfie-Lip-Syncs wechseln, sowie Slider mit analogen Bildern aus dem Studio in LA. Darüber hinaus gibt es seit dem Releasetag, dem 22. August, eine Kooperation mit TikTok Music. Wenn man 'Wolf Alice' in die Suchmaske eingibt, wird einem eine Extra-Seite (mobile version only) angezeigt, die zunächst die Platte präsentiert und die einzelnen Songs als TikTok-Sound aufführt. Darunter werden Highlights vom Wolf Alice-Kanal gelistet, in einem zweiten Slider finden sich Fan Spotlights. Das ist keine neue Funktion für Musiker*innen allgemein, sondern eine spezifische Kooperation. Laufey, die am gleichen Tag ihr neues Album rausbrachte, kann damit nicht dienen.
Konzerte in Plattenläden Wolf Alice haben um den Albumrelease herum eine Reihe an Konzerten in Plattenläden geplant. Am 29. August sind sie in Leipzig. Mit dem Ticket zu den Konzerten kauft man automatisch auch die Vinyl (je nach Wunsch die klassische oder limitierte Version). Damit sind Albumverkäufe garantiert und die werden direkt in die Charts eingerechnet. Ich konnte sogar meine – selbstverständlich bereits getätigte – Vorbestellung stornieren, denn natürlich nehme ich lieber das Ding mit kleiner, intimer Performance. Bei so einem "The Clearing Event" in London haben Wolf Alice noch dazu das Sofa aus "The Sofa" als Fotoprop bereitgestellt, selbst hinter dem Tresen den Merch mit verkauft und man konnte sich seine Lederjacke mit Nieten beschlagen lassen, wie die von Bassist Theo. Die Schlange führte zweimal um den Block.
Analoge Beilage Im Wolf Alice-Newsletter sah man in den letzten Wochen schon kleine Designs, die die einzelnen Songs illustrierten. Die gibt es analog gedruckt auf Zeitungspapier und sie wurden bereits bei dem "The Clearing Event" in London verteilt. Es sieht in einigen Storys der vielen Platten-Signatur-Sessions so aus, als wäre die Zeitung auch in der limitierten Vinyl als Beilage enthalten – im Online Shop habe ich dazu nichts gefunden. Diese Zeitung ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem Extra Fanzine – das gibt es im Set mit einer CD zu kaufen. Das ganze Marketing ist definitiv auf analoge Tonträger ausgelegt. Zumindest die #1 der physischen Albumcharts sollten die vier Briten sich nächsten Freitag auf einen Aufnäher sticken können.
Verschiebung des Release Anfang Juli kündigten Wolf Alice an, das Album um eine Woche vorzuziehen. Zuerst dachte ich naiv: Das ist, weil die so Bock haben und vielleicht aus Sorge, dass das angehäufte Interesse irgendwann abbricht, wenn man nicht schneller liefert. Nope. Sabrina Carpenter hat ihr Album auf den ursprünglich geplanten Termin, den 29. August, gelegt und das am 12. Juni kommuniziert. Da bleibt kein Zweifel, dass hier auf einen großen Impact in den Charts geschielt wird, den man sich von Carpenter nicht abgraben lassen will.
Größere Venues Die letzte Berlin-Show von Wolf Alice fand im Astra (etwa 1.5k Kapazität) statt. Jetzt werden sie in der Columbiahalle (3.5k) spielen. Man geht hier also von einem beachtlichen Wachstum aus. Es ist keine richtige Strategie, aber große Venuenamen machen etwas aus. Bei mir herrscht dadurch bei den kleinen Clubgigs das Gefühl: Das ist das letzte Mal, dass wir diese Band so klein sehen können. Denn die Columbiahalle symbolisiert für mich einen Break Through, von dem dann auch kein Weg mehr zurückführt.
Das Album ist … krass Die Songs klingen, als hätten die Beatles die 90er miterlebt. Jeder Song ist gigantisch und simpel zugleich. Alles hieran ist groß: Die Chöre, die Geigen, die Riffs, die 100 neuen Facetten im Gesang. Der Clubstaub ist Scheinwerferschimmern gewichen. Der ganze Aufriss passt zu dem anmutigen Duktus, den THE CLEARING mitbringt und letzten Endes kann eine Promokampagne noch so gut sein: Wenn die Musik nichts taugt, ist der Wirbel oft trotzdem umsonst.
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PS: Wolf Alice Reddit ist nicht so amused über den 70er-Beatles-Anstrich und will den Shoegaze zurück.
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Anfang August fand in Oslo zum 26. Mal das Øya Festival statt. Es ist eines der wenigen Festivals, zu denen ich eine emotionale Verbindung habe, weil ich hier immer eine andere Person bin. Eine, die mir viel besser gefällt, weswegen es in meinem Kopf zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung geworden ist, dass ich dort mein bestes Leben lebe. Nach Jahren der Abstinenz war ich mir sicher, dass ich hier wieder ein Stück von mir finden würde, das ich verloren hatte. Kann ein Festival ein Horcrux sein? Ein viel zu persönlicher Nachbericht. – Melanie
Dieser Text ist auf Einladung von Øya International und Music Norway entstanden
Die Beschwörung
Ich habe es manifestiert. Zwischen 2013 und 2018 hatte ich einen regelrechten Fetisch auf norwegische Popmusik. Ich war topinformiert, wusste besser über die Newcomer*innen Bescheid, als meine norwegischen Freund*innen, die ich auf einmal hatte, weil ich ständig zwischen Oslo, Bergen und Trondheim auf Festivals rumhing. Dann passierte irgendwas (Corona, Depression, Fokusverschiebung, keine Ahnung) und ab 2020 verlor ich das Land und seine Szene aus den Augen. Doch am 2. Weihnachtsfeiertag 2024 lud ich mir in einem Anfall von Julebrus-Unterversorgung wieder Duolingo runter. "I can't believe it, is it really you again, Melonenvogel", begrüßte mich die grüne Eule, mit der ich früher schon Norwegisch gepaukt hatte. Ja, Duo, ich kann’s auch nicht glauben, aber wir machen das jetzt. Wir gehen wieder rein. 2025 wird das Jahr, in dem ich zurückkehre nach Norwegen! Warum das so wichtig für mich war? In meinem Kopf sah ich mein erneutes Betreten skandinavischen Bodens als Abschluss einer dunklen Periode. Wenn ich das schaffe, würde sich die Zeit irgendwie umkehren und meine einstigen Superkräfte endgültig wieder freigeben. Esoterisch? Nun:
Es passiert
Die Einladung nach Oslo zum Øya Festival kommt im Juni, fünf Minuten mache ich Geräusche, die nur Meerschweinchen verstehen. Das Øya 2013 war meine erste real life Berührung mit Norwegen, augenblicklich war ich umgehauen von der generellen Entspanntheit, die Land, Leute und Festival auf mich abstrahlten. (Bitte rechnet in alles, was ich hier sage, eine vernünftige Portion Anderortsverklärung ein. Ich bin sicher, ihr habt diese Orte auch.) Happy returns folgten 2016 und 2019. Was für ein mustergültiger Streich des Schicksals, mich ausgerechnet mit diesem Event wieder in den Norden zu holen.
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Den Touchdown in Oslo vergolde ich augenblicklich mit dem ersten Kvikk Lunsj, dem norwegischen KitKat, das natürlich viel besser schmeckt (tut es wirklich, lasst mich). Ich poste ein Video von mir vor der Osloer Oper und teile das Line up des Festivals mit meinen Followern. Selten hat ein Share Pic so viele Reaktionen bekommen, niemand kann fassen, wie viele eisenheiße Bands hier auf einen Haufen gebucht wurden. Ist ja auch so: Øya hat trotz seiner vergleichsweise geringen Größe jedes Jahr ein merkwürdig zeitgeistiges und sensationelles Aufgebot. Ich hab hier schon Kraftwerk, Blur, Rodriguez, The Cure, Grace Jones oder Robyn gesehen, dazu ein Füllhorn der norwegischen Evergreens und Neutalente. Mein vierter Besuch wird von Charlie xcx, girl in red und Chappell Roan geheadlined. Klar, die findet man diesen Sommer alle auch auf anderen Festivals in ganz Europa, aber das Øya hat gerade mal 20.000 Besucher*innen pro Tag. In Deutschland könnte man es größenmäßig mit dem MELT! in seiner Glanzzeit oder dem Dockville vergleichen.
Der Schrei
Øya findet im Tøyenpark statt, mitten in Oslo. Oslo ist eine kleine Stadt, man kann überall zu Fuß hinlaufen – etwas, das ich in Berlin schmerzlich vermisse. Das Festival ist dafür bekannt, besonders auf Nachhaltigkeit zu achten. Schon lange, nicht erst seit drei Jahren: Alles wird mit erneuerbarer Energie betrieben, es gibt nur vegetarisches Essen; Ruhezonen, Menstruationszelte und Awarenessteams sind da. Alles fühlt sich klein an, die verschiedenen Bühnen sind direkt nebeneinander. Hier muss man sich nicht bemühen, rechtzeitig einen Platz zu bekommen, hier ist immer Luft, die Bühnen nie weit weg und durch die Hanglage auch von überall gut einsehbar. Das gilt für die frühen Konzerte genau wie für die der Headliner (fast, siehe unten).
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Ist es der Verdienst des Festivals oder meine eigene Mythenbildung, dass ich mich hier endlich mal wieder – wie sagt man so einfallslos – treiben lassen kann? Wer weiß. Am frühen Nachmittag schau ich mir die ganz neuen, landeseigenen Acts an und arbeite mich durch die Tage. Neben mir eidechst ein Junge sein Popcorn mit der Zunge aus der Tüte, während Lola Young den Song spielt, der viel zu emotional für ein Festival-Set ist und bei dem ich immer weinen muss. Laufen lassen. No. 4 sind so eine Art norwegischer National Treasure, drei Frauen, die gar nicht mal so besondere, aber perfekte Popsongs schreiben, und eine Menschenmenge aus vor allem jungen Frauen anziehen. Würde ich sie nicht eh schon lieben – 2019 konnte ich die Band in der Osloer Oper sehen, es war der Höhepunkt meiner Selbstidentifikation als crosscountry Kulturbotschafterin –, dann jetzt: No. 4 stehen auf der Bühne wie Männer. Einfach so, nämlich. Keine "Outfits", kein Setdesign, sie sind einfach da und spielen ihre Instrumente. Sind so alt wie ich und sehen auch so aus. Neben mir gießt eine Frau ihr Desinfektionsmittel in ihre Cola. Die Zukunft ist offen. Wet Leg animieren einen Tag später ihre Crowd zu einem Schreicontest und es wird wohl dieser Moment gewesen sein, als die Finsternis von 2022 endgültig meinen Körper verlässt.
Auch das: Musik
Bei Chappell Roan fällt dem Festival die eigene Muckeligkeit auf die Füße: zu viele Leute drängen sich auf einer zu kleinen Fläche vor der Bühne. Den Platz, den ich mir erschleiche, kann ich selbst, wenn ich wöllte, das ganze Set über nicht verlassen, denn wir stehen wie die Sardinen und leisten uns alle nur ein kleines h-o-t-t-o-g-o. Das tu ich mir am nächsten Tag bei Charlie xcx nicht noch mal an und verzieh mich nach nebenan zu Honningbarna, quasi die norwegischen Turbostaat. Die schreien mir politische Forderungen entgegen, von denen ich immerhin 40 Prozent verstehe, zwei Tage später werden sie zusammen mit girl in red die Bühne zum Festivalfinale niederbrennen. Mehr als die Headliner ziehen mich aber eh die norwegischen Acts an, die entweder so neu sind, dass sie noch nicht in Deutschland touren, oder nur Norwegisch singen und deswegen nicht über die Landesgrenzen hinaus kommen.
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4 norwegische Artists, die ihr jetzt kennen solltet
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Alma Owren Alma hatte einen der Opening Slots am Mittwoch, es ist ihr erster Gig überhaupt. Sie hat die typisch skandinavische Schwere unter ihrer Zunge, ihre erste EP sammelt feine Rinnsale von Folk und unerwarteten 180-Grad-Elektro-Drehungen. Schüchtern, aber als Konzept. Tolou
Tolou und ihre Tänzerinnen tragen bei ihrem Gig die Art von Outfits, von denen ich dachte, dass sie zu hässlich wären, als dass Gen Z sie sich aus dem Jahr 2002 herausklaubt (Think: No Angels bei The Dome). Erst sang Tolou im Chor, dann in der Metalband ihres Bruders, also Solokünstlerin nennt sie ihren Stil nun Arctic Afropop. Man sieht, dass hier jemand steht, die international aufgebaut werden soll. Mal sehen, ob das klappt.
Pom Poko Pom Poko sind die beste Band der Welt. Sie schöpfen aus einer Masse an Melodien, die sich selbst unter ihrem Jazz-Gedniedel nicht verstecken lassen. Jeder ihrer Auftritte schmeckt wie eine Tüte im Auto geschmolzenes Haribo Colorado. Es tut mir leid, falls ihr noch nie dabei wart. Ändert das bitte.
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brenn. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber wenn ihr mir verschiedene Bands vorspielt und ich muss sagen, welche aus Norwegen kommt, schätze ich meine Trefferquote auf 97%. Ich erkenn das bei brenn. zum Beispiel sofort an den Gitarren. Gut, sie singen auch Norwegisch, aber ich hätte das ja schon vor dem Einsetzen des Gesangs gewusst! Es ist ein bisschen Pop, ein bisschen Punk und diese Sonnigkeit, die man ausstrahlt, wenn Sonne eher rar ist, da wo man herkommt. (Obwohl Oslo im Vergleich zu Berlin dieses Jahr definitiv den sommerigeren Sommer hatte, hab ich mir sagen lassen.) Beim Øya hatten brenn. sogar Pyro, scheint also gut zu laufen für die Jungs. Moyka Jaja, ok, Moyka hat dieses Jahr nicht auf dem Øya gespielt (letztes schon) – aber ich habe sie dort getroffen und mit ihr eine Stunde an der Klubben-Bühne zu Bambii geravet. Das würde ich mit niemand anderem machen als mit dieser Pophexe. Ich soll euch sagen, dass Moyka am 27. August (also HEUTE) live im Fluxbau spielt, Eintritt frei. Klingt so.
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Im Grunde hab ich mir aber einfach alles angesehen. Dabei treffe ich auch immer wieder Freund*innen und Bekannte aus meinem früheren Leben. Oslo ist winzig klein, Norwegen hat insgesamt nicht wesentlich mehr Einwohner*innen als Berlin. Und alle sind auf diesem Festival.
Fri Fri Palestina
"Das Øya war so lange so heilig, deswegen nehmen ihm das viele jetzt übel," erzählt mir ein Osloer Freund bei einer Bierpause. Ich beiße in eine Skillingsbolle so groß wie ein Katzenkopf, auf dem Gelände gibt es einen Bäckereistand, was ich für eine maximal nachahmenswerte Idee für alle Festivals halte. So ein kleiner Hefeklops hat eine exzellente Preis-Sättigungs-Ratio. Ich hatte ihn gefragt (den Freund, nicht den Hefeklops), was es mit den "Boykott Øya"-Plakaten in der Stadt auf sich hat. Er erklärt: Das Festival wurde 2018 von Superstruct gekauft, das seit 2024 zu KKR gehört. Unter anderem das Sónar in Barcelona, Parookaville und das Wacken gehören ebenfalls Superstruct und damit zu KKR. KKR investiert in israelische Rüstungsunternehmen und umweltschädliche Projekte¹. Deswegen gibt es vor dem Tøyenpark Proteste und ein Venue, das sonst am Øya-Nachtprogramm teilnimmt, hatte die Zusammenarbeit aufgekündigt und veranstaltet am Festivalmittwoch einen Soli-Abend für Palästina.
Das Øya selbst positioniert sich, indem es auf dem Gelände Infoständen für palästinensische Hilfsorganisationen Platz gibt, auf den Bühnen setzt ein Großteil der Bands Statements, in denen sie ihre Solidarität mit Palästina unterstreichen. Palitücher sind omnipräsent. Das Festival hat keinen Einfluss auf die Investistionsentscheidungen von KKR¹ und die Energie der Gegner*innen wäre an anderer Stelle vielleicht besser eingesetzt, doch es kratzt am Image des schimmernden, idealistischen Vorreiters, der eigentlich immer zeigen will, wie Festival morgen geht.
つ ◕_◕ ༽つ AMENO つ ◕_◕ ༽つ
Wie anfangs erwähnt, besuche ich das Festival als Delegate. Das bedeutet, ich bin eingeladen, bekomme Flug und Hotel bezahlt, damit ich euch dann was vorschwärme. Joke's on them, das hätte ich auch so gemacht, nur leisten hätte ich es mir nicht können (Øya Festivalpass: 350 Euro für alle vier Tage, 206 Euro für zwei Tage). Und es hat natürlich seine Vorteile. An den Vormittagen herrscht verpflichtendes Spaßprogramm. Wir bekommen eine Stadtführung, die uns auf die Dächer von Oslo führt, wo das norwegische Musikexportbüro uns eine der heißesten Newcomer*innen Norwegens vor die Nase setzt: Hillari gibt mir instant Sister Act 2 vibes (iykyk). Für Fans von: SZA oder H.E.R. In den botanischen Garten stellen sie uns Bare Folk, die norwegischsprachige Volkslieder singen, und nichts könnte dieses Erlebnis noch surrealer machen. Ich kann die Trolle in den Wurzeln der Bäume sehen (Klischees! Nie bin ich so offen für Klischees wie in diesem Moment.). Am nächsten Morgen entern wir ein Boot, werden zum Baden in den Fjord bugsiert. Solltet ihr mich je in freier Wildbahn baden sehen, geb ich euch 5 Euro, in Oslo allerdings kann mich nichts halten. Hier ess ich das Leben mit dem großen Löffel. Auf dem Boot spielt Rabo, die unter anderem für die K-Pop Band aespa Songs schreibt und gerade bei Hollywood Records gesignet wurde. Ich lerne zahlreiche andere Musikjournalist*innen aus Warschau, Tokio, Paris, Kopenhagen kennen und frage sie über den Status Quo der Musik in ihren Ländern aus. (Alle wünschen sich mehr politisches Engagement und Aufbegehren in ihren Musikszenen.).
Am letzten Tag saunieren wir – was bei den deutschen Delegates erstmal für hochgezogene Augenbrauen sorgt, aber Sauna ist in Norwegen keine textilfreie Angelegenheit, das macht man hier mit Badesachen. So intim werde ich trotzdem selten mit meinen Branchenkolleg*innen, für mehr Verwunderung sorgt nur der Saunameister, der uns ankündigt, mit der passenden Musik für die richtige Stimmung beim folgenden Saunaritual zu sorgen. Norwegian Black Metal wird jetzt durchs heiße Holz dröhnen, das ist uns allen so klar, dass ich vor Lachen fast das Schwitzen vergesse, als stattdessen Gregorian Chants aus den Boxen wallen. Die Temperaturen steigen weiter und für einen kurzen Moment bin ich mir sicher, persönlich das Ameno-Maus-Meme zu sein. (Notiz: Beim nächsten Oslo-Besuch mit Saunameister über die Musikauswahl reden.)
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Nun?
Hab ich auf den Bühnen im Tøyenpark, den Felsen im Fjord und in der leeren Kvikk Lunsj-Verpackung ein Stück meiner Seele wiedergefunden? Ja. Schnörkellos. Auf Instagram hab ich das bereits etwas pathetischer ausformuliert, aber sagen wir so: Musik – Livemusik – Konzerterlebnisse sind eine ungeheure Macht. Wer damit einmal gute Erinnerungen in Bernstein gegossen hat, wird sie wahrscheinlich immer wieder auslösen können. Wenn dazu noch ein Tapetenwechsel kommt, kann das für genau den richtigen Abstand zur Realität sorgen, der alles wieder etwas klarer aussehen lässt. Ab jetzt wird alles gut.
Sonst muss ich wohl nochmal hin.
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PS: Siehe Mailbetreff: Nein, Festivals ersetzen keine Therapie und dass es mir heute besser geht liegt nicht an einem magischen Ausflug. Der hatte zwar große Symbolwirkung, aber das ging nur, weil drei Jahre wöchentliche Sitzungen und Diagnosen den Weg dafür geebnet haben.
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Das war's für dieses Mal. An Rosies Nebentisch im Café fiel jemandem genau zum Drumsolo von "In The Air Tonight" eine Tasse herunter. Melanie hat immer Angst, dass ihre Kelly-Tasse mal runterfällt, deswegen benutzt sie sie kaum (naja, vor allem, weil sie nicht spülmaschinenfest ist und Melanie nicht abwaschen will).
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Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 10. September.
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